Mittwoch, 8. Dezember 2021
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    Lisa Mayerhofer
    Lisa Mayerhofer
    Mitglied der NewFinance-Redaktion mit vorherigen Stationen beim Süddeutschen Verlag und Burda Forward.

    Aktuelle Beiträge

    Die Bürgerversicherung: Schreckgespenst oder Heilsbringer?

    Für die einen ist sie die Rettung des reformbedürftigen deutschen Gesundheitssystems, für die anderen der Anfang des Niedergangs: Die Bürgerversicherung. Das Modell ist in vielen europäischen Ländern wie etwa der Niederlande schon im Einsatz. Kommt nun auch bei uns die Bürgerversicherung?

    Das Gesundheitssystem als Großbaustelle

    Ampel, Jamaika oder doch wieder eine große Koalition? Noch ist nicht klar, wie die neue Regierung aussehen wird – und in welche Zukunft diese Deutschlands Gesundheitssystem führen möchte. SPD und Grüne wünschen sich ein einheitliches Versicherungssystem in Form einer Bürgerversicherung, Union und FDP wollen das duale System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung beibehalten.

    Eins ist jedoch klar: Die neue Regierung sollte sich eingehend mit dem deutschen Gesundheitswesen beschäftigen, denn sonst drohen bald steigende Beitragssätze. Im Handelsblatt prophezeit der einflussreiche ehemalige Wirtschaftsweise, Regierungsberater und SPD-Mitglied Professor Bert Rürup:„In den nächsten Jahren Gesundheitsminister zu sein, dürfte wohl noch unangenehmer sein als in der Vor-Corona-Zeit. Das Gesundheitssystem sei eine Großbaustelle.“

    Laut OECD ist das deutsche Gesundheitssystem vor allem sehr teuer. Unser Land muss 12,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Gesundheitsleistungen aufwenden, während es bei der ähnlich entwickelten Niederlande zum Beispiel 11,2 Prozent sind. Rürup fordert in dem Beitrag zwar nicht explizit eine Bürgerversicherung – so ein Einheitssystem hat jedoch die Niederlande. 

    Die Niederländer sind zufrieden

    Das Nachbarland hatte lange ein duales System wie Deutschland und sattelte 2006 komplett um zu einem Einheitssystem. Das System funktioniert grob skizziert folgendermaßen: Es gibt eine allgemeine Versicherungspflicht und einen vereinheitlichten Versicherungsmarkt. Die Anbieter müssen staatlichen Vorgaben folgen, können jedoch zusätzliche Leistungen anbieten. Dabei konkurrieren die Kassen auf privatwirtschaftlicher Basis miteinander, sie wurden also nicht vergemeinschaftet. 

    Die Niederländer scheinen zufrieden zu sein: Das Land wechselt sich seit Jahren mit der Schweiz als Spitzenreiter des Euro Health Consumer Index ab, der die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem misst. Übrigens: Auch die Schweiz hat eine Bürgerversicherung – allerdings funktioniert dort das Gesundheitssystem wieder anders als in den Niederlanden.

    In einer neuen Rangliste internationaler Gesundheitssysteme, die die US-Denkfabrik Commonwealth Foundation veröffentlicht hat, landete die Niederlande ebenfalls unter den Top 3. Deutschland schaffet es auf den fünften Platz.

    Bürgerversicherung: Die deutschen Ärzte sind skeptisch

    Was spricht also gegen eine Bürgerversicherung, wenn es doch in den Niederlanden so gut zu funktionieren scheint? Auch so einiges: Kritiker befürchten eine schlechtere Patientenversorgung und einen Stillstand medizinischer Innovationen. Zu den Skeptikern gehören wohl auch viele Ärzte – laut Ärzteblatt steht die deutsche Ärzteschaft einer Bürgerversicherung mehrheitlich kritisch gegenüber. 

    So verkündete der Vorstand der Bundesärztekammer auf dem 124. Deutschen Ärztetag, dass mit der Einführung einer Bürgerversicherung „Rationierung, Wartezeiten und Begrenzungen des Leistungskatalogs“ drohen würden. Vor allem im ländlichen Raum müssten Ärzte ihre Praxen schließen, da die Honorare der Privatversicherten für sie eine große Rolle spielen.

    Auch der Prozess der Umstellung auf eine Einheitsversicherung spricht eher dagegen: Entweder würde der Übergang länger als eine Generation dauern – und zwar, wenn nur Neuversicherte automatisch eine Bürgerversicherung erhalten würden, erklärt die Wirtschaftswoche. Oder Privatversicherte und Assekuranz könnten wegen der Einführung einer Bürgerversicherung vor Gericht ziehen.

    „Es wird interessant werden, was von den Ideen übrig bleibt“

    Abdulkadir Cebi, Bereichsleitung Analyse und Bewertung bei der Rating-Agentur ASSEKURATA, zeigt sich bei dem Thema im GothaerPersönlich-Podcast jedenfalls gelassen: „Es wird interessant werden, was von den Ideen übrig bleibt. Es kann sein, dass das Thema Bürgerversicherung schon in den Vorgesprächen schneller vom Tisch ist als gedacht.“ Seiner Meinung nach sei das Szenario auch im Falle einer Ampel-Koalition sehr wahrscheinlich. 

    „Es ist aber auch wahrscheinlich, dass sich einige der Ideen durchsetzen könnten, etwa bei der Schaffung von mehr Durchlässigkeit zwischen den Systemen oder Wechselmöglichkeiten“, so Cebi. Die PKV stehe dadurch dann vor weiteren Herausforderungen, die sie jetzt schon erlebe. Seiner Meinung sind deshalb vor allem Zusatzversicherungen in der PKV das Thema der Zukunft.

    Titelbild: © diegograndi / stock.adobe.com 

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