Freitag, 9. Dezember 2022
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    Wir bestimmen den Reifeprozess von Käse und Wein. Und von Kindern?

    „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen.“ Maria Montessori

    Aber was geschieht mit den Gästen, die zu früh vorbeischauen? Viel zu früh. Alleine in Deutschland hat sich seit 1997 die Zahl der zu früh geborenen Säuglinge, sogenannter „Frühchen“, von sieben auf neun Prozent erhöht. Weltweit gesehen kommen mehr als 63.000 Kinder zu früh auf die Welt. 8.000 davon sogar vor der 30. Schwangerschaftswoche. Das Risiko bei solchen Kleinkindern: Atemnotsyndrom, Nierenunterfunktion, Hirnblutungen sind exponentiell hoch. Die schlimmste aller Folgen: Tod. Doch dank medizinischer Fortschritte überleben heute Säuglinge, die vor einigen Jahren keine Chance gehabt hätten. Jetzt geht die Medizin einen Schritt weiter. Ist der getestete „BioBag“ eine Lösung?

    Dem Leben hinterher

    Die Überlebenschancen von Babys, die extrem früh zur Welt kommen, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert. Heutzutage haben selbst jene Kinder eine, die nach 22 Schwangerschaftswochen mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm geboren werden. Doch die Sterblichkeitsrate ist immer noch hoch. Zu hoch. Chronische Gesundheitsschäden bleiben auch bei den Überlebenden häufig zurück. Größter Schwachpunkt: Die Lunge. Da diese zu jenem Zeitpunkt noch nicht ausgereift ist, um selbstständig zu atmen. Mit der stetig steigenden Anzahl der Geburten, steigt die Zahl der Frühchen ebenfalls. Wie die Erhebung durch das Statistisches Bundesamt zeigt. (Anzahl der Geburten in Deutschland).

    Und so haben die Wissenschaftler um Emily Partridge, Children’s Hospital Philadelphia, eine Möglichkeit gefunden, solche extremen Frühchen für einige Wochen in einem möglichst natürlichen Umfeld außerhalb des Mutterleibs heranreifen zu lassen. Ihre Lösung: BioBag. Das System erlaubt es die Bedingungen in der Gebärmutter bestmöglich nachahmt.

    BioBag: Künstliche Gebärmutter

    “Fötale Lungen sind dafür gemacht, in Flüssigkeit zu funktionieren”, erläutert Mitautor Marcus Davey. “Wir simulieren diese Umgebung und erlauben den Lungen und anderen Organen, sich zu entwickeln, während wir Nährstoffe und Wachstumsfaktoren bereitstellen.”

    Der BioBag simuliert die Gebärmutter. Zusätzliche Maschinen übernehmen die Arbeit der Plazenta. Innerhalb des Beutels lassen sich sterile Bedingungen aufrechterhalten. Infektionen haben so keinen Nährboden zum Keimen. Faktoren wie: Temperatur, Druck und Lichtbedingungen sind so kontrollierbar. Die Wissenschaftler testeten ihr schlussendlich ausgereiftes System zunächst an acht Lämmern. Diese wurden nach einer Tragezeit von 105 bis 120 Tagen per Kaiserschnitt geworben. Die Forscher schlossen die Nabelschnur der Lämmer dann schnellstmöglich über Kanülen an eine künstliche Plazenta an und betteten die Lämmer in einen den BioBag. Darin wurde künstlich erzeugtes Fruchtwasser gelassen, das stätig ausgetauscht wurde.

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    Das Lammherz pumpte selbstständig. Das Blut gelang über die Nabelschnur nach außen zu einer Maschine, die die Aufgabe der Plazenta übernahm. Diese tauscht Sauerstoff und Kohlendioxid aus, bevor das Blut zum Fötus zurückfließt.

    “Der Schritt vom Schaf zum Menschen ist ein großer”

    Allerdings gab es bei den Experimenten auch Komplikationen. Die Anwendung beim Menschen ist derzeit noch nicht möglich, so die Forscher gegenüber dem Fachmagazin “Nature Communications”.  Auch deutsche Experten verweisen auf die Neuartigkeit und dieser Behandlungsmethode. Sie sei hochexperimentell und muss über Jahre hinwegt weiterentwickelt werden.

    “Der Schritt vom Schaf zum Menschen ist ein großer”, sagt Rolf Maier vom Universitätsklinikum Marburg, Präsident der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI). “Rein technisch ist das ein großer wissenschaftlicher Fortschritt, die weitere Entwicklung dieser Technologie muss jedoch auch mit großer ethischer Gewissenhaftigkeit erfolgen.“

    Bild: ©nuvolanevicata/Fotolia

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