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Rap Hack: Mit manipulierten Klickzahlen bei Spotify und YouTube in die Charts
Ilhan Coskun rappt, © Y-Kollektiv

Rap Hack: Mit manipulierten Klickzahlen bei Spotify und YouTube in die Charts

Niklas Lewanczik | 29.05.19

Ein Video zeigt, wie Musikern auf illegitime Weise zu extrem hohen Klickzahlen und letztlich einem Platz in den Charts sowie mehr Einnahmen verholfen wird.

Die Diskussion um die Klickzahlmanipulationen sind keine Neuheit. Für Furore sorgt das Video zum Rap Hack vom Y-Kollektiv dennoch, weil darin detailliert Praktiken dokumentiert werden, die die Klickzahlen der Musiker bei digitalen Plattformen wie YouTube und Spotify schnell in Millionenhöhe treiben. Dabei geht es nicht mit rechten Dingen zu und die Popularität bestimmter Songs und Künstler entpuppt sich als geradezu konstruiert.

Der Rap Hack: Neue Methode, um Stars zu schaffen

Im Musikgeschäft geht es darum, Stars zu stilisieren, Persönlichkeiten zu Aufmerksamkeit zu verhelfen und Hörer für deren Songs zu generieren. All das zielt darauf ab, Geld zu verdienen. So wurden früher von Managern auch gerne mal massenhaft CDs selbst gekauft, damit der Einstieg ihrer Künstler in die Charts erleichtert würde. Und Manipulation im großen Stil findet in der Branche auch seine Beispiele, man denke nur an Milli Vanilli.

Heutzutage zählen für Künstler aber auch die Metriken der relevanten Musikstreaming-Plattformen, allen voran Deezer, Apple Music, Amazon und Spotify. Bei diesen lassen sich, wie ein aktuelles Video vom Y-Kollektiv darstellt, Klickzahlen für einzelne Songs jedoch einfacher manipulieren, als so mancher gedacht haben dürfte. der Reporter Ilhan Coskun trifft im Video auf einen anonymisierten sogenannten Social Media-Experten, genannt Kai, der angibt, dass er Songs, gerade im Bereich Deutschrap, zum Durchbruch verhelfen kann. Dabei hackt Kai die Charts, indem er mithilfe eines regelrechten Konglomerats von Accounts die Songs in einer Dauerschleife in Playlisten abspielt und ihnen somit immer neue Zugriffe beschert. Woher er die Daten für die Vielzahl an Konten hat, erklärt er nicht.

Es ist mega einfach aus dem Nichts in die Charts zu kommen,

wird Kai zitiert. Dafür braucht es dann nur Geld. Um das zu überprüfen, hat Ilhan Coskun eigens einen Song mit Video erstellt, der – als Experiment gedacht – zu Popularität kommen sollte. Coskun ist eigentlich Kameramann und kein Rapper. Zusammen mit Freunden aus der Rapszene arbeitet er jedoch das Video 8K aus. Dieses hat inzwischen über 500.000 Views bei YouTube. Kai geht aber davon aus, dass es zwischendurch vonseiten YouTubes Strikes gab. Bei Spotify gab es fast 100.000 Abrufe, obwohl Ilhan Coskun kein Geld investiert hat.

Zum Star ist Coskun allerdings nicht geworden. Wie schafft es Kai mit seinem Social Media-Team also, andere Rapper groß zu machen, indem Klicks manipuliert werden?

250.000 Accounts in Deutschland hören auf Dauerschleife

Kai gibt an, dass er eine Viertelmillion Accounts in Deutschland steuert, die Songs, die er pushen soll, in Dauerschleife in eigens erstellten Playlisten „hören“. Dabei werden übrigens auch andere Rapper in die Listen integriert, die gleichzeitig von der Praktik profitieren, ohne daran beteiligt zu sein. Das wird gemacht, damit Spotifys Algorithmus keinen Verdacht schöpft.

Ein Beispiel, das Kai gibt, ist der Account von Rapper Sero El Mero, bis dato eher unbekannt. Sein Track Ohne Sinn hat inzwischen über sechs Millionen Aufrufe bei YouTube und wurde erst Anfang Mai hochgeladen.

Schon sieben Minuten nach dem Upload hatte es über 12.000 Likes und nur 24 Stunden später war es auf Platz eins der YouTube Trends. Kai hatte im Vorwege auf die wundersame Entwicklung hingewiesen. Er gibt aber auch an, dass er damit nichts zu tun hat und es für eine Manipulation keine Beweise gebe; aber Anzeichen seien da.

Als weiteres Beispiel nennt Kai die Summe, die ein Rapper mit nur einem Beispiel-Song und lediglich bei Spotify verdient hat: 256.000 US-Dollar. Die Effekte sind also enorm.

Keine Sicherheitsmechanismen?

Illegitime Praktiken zur Unterstützung von Songs und Künstlern gibt es viele, dafür muss nur ein gewisses Startkapital investiert werden. Möglich gemacht wird die Manipulation der Klickzahlen aber auch, weil die betroffenen Plattformen keine ausreichenden Sicherheitsmechanismen haben. Das bestätigt der „Social Media-Experte“ Kai. Außerdem wird in der Y-Kollektiv-Doku deutlich, wie gehackte Nutzerdaten für letztlich illegale Zwecke eingesetzt werden können.

Ilhan Coskun hat seinen Track bei den Streamingplattformen entfernt, weil er damit kein Geld verdienen möchte. Bei YouTube könnt ihr euch sein Video aber noch anschauen.

Es gibt in der Dokumentation keine Beweise dafür, dass bestimmte Künstler wie Sero El Mero und deren Labels in den Klickkauf involviert waren. Daher hat sich beispielsweise Groove Attack inzwischen von den impliziten Vorwürfen distanziert.

https://www.instagram.com/p/Bx2aRoToKXw/?utm_source=ig_web_options_share_sheet

Während der Rap Hack also nicht klar beweist, an welcher Stelle Klickzahlen manipuliert, ja gekauft werden, zeigt das Video doch die Möglichkeiten dazu auf.

Und wieder einmal basieren diese auf zahlreichen gehackten Nutzerdaten. Das Geschäft mit diesen bleibt also in der Digitalbranche ein immens großes und kann womöglich unbekannte Künstler zu Stars machen und den involvierten Managern und Labels viel Geld einbringen. Die Daten sind das große Potential für Werbung und Klicks in jedweden Digitalbereichen. Dass damit ganz besondere Leistungen erzielt werden können, wenn es um Metriken geht, die auf technologischen Werten basieren, steht außer Frage. Vielleicht müssen also auch in der digitalen Musikbranche die Kennwerte für Erfolg neu zur Diskussion gestellt werden. Zumindest aber gilt es, die Prüfung und die Sicherheit bei YouTube, Spotify und Co. zu verschärfen.

Kommentare aus der Community

Thomas Meyer am 28.07.2020 um 13:58 Uhr

„Es gibt in der Dokumentation keine Beweise dafür, dass bestimmte Künstler wie Sero El Mero und deren Labels in den Klickkauf involviert waren.“

Das ist ja das Schöne an OM & Co. – Beweise, solange jemand nicht zu dumm ist, gibt es halt de facto nie. Für gar nichts. :D (Auch wenn man sich immer einredet, Erfolge messen zu können.) Vor allem nicht wenn die relevanten Daten bei Anbieter XY liegen, der sie für kein Geld der Welt herausgibt. Heißt vor dem Richter: „Beweise mir doch mal, dass Maßnahme XY tatsächlich SO funktioniert – und es keine anderen Erklärungen dafür gibt…“ aka: 10k Spamlinks auf Konkurrenten? 1. „Who dunnit!?“ und 2. „Ob das wirklich so funktioniert…“ ;)

Das öffnet Missbrauch in alle Richtungen natürlich Tür und Tor.

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