Neue BU-Studie von PremiumCircle: Außer Spesen nichts gewesen?

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Neue BU-Studie von PremiumCircle: Außer Spesen nichts gewesen?

Eine neue Studie von PremiumCircle sorgte in der Branche für Aufsehen. Auch bei uns. Nachdem wir uns der Kritik an der Studienmethodik angeschlossen hatten, forderte das Friedberger Beratungshaus öffentlich auf, uns doch mit den Ergebnissen im Original zu befassen, bevor wir urteilen. Gesagt und gern getan.

Nachdem Ende April die „Qualitäts- und Transparenzinitiative zur Berufsunfähigkeitsversicherung 2021“ der PremiumCircle Deutschland GmbH erschienen war, herrschte Unruhe in der Community. Das 78-seitige Papier befasst sich mit den „Auswirkungen von COVID-19 auf die Antrags- und Leistungsprozesse in der Berufsunfähigkeitsversicherung“ und kommt nach eigenem Bekunden (wiederholt) zu dem Ergebnis, die Branche befinde sich im „Nebelflug“. Versicherern bescheinigt PremiumCircle „eine erhebliche Varianz (…) im Umgang mit den durch COVID-19 neu hinzugekommenen Herausforderungen“. Auch im Leistungsfall gebe es seitens der Anbieter „keine verbindlichen Leitplanken“. Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) wirft PremiumCircle „irreführende Aussagen“ vor. Starker Tobak, zumindest auf den ersten Blick.

Bei genauerem Hinsehen relativiert sich das Bild: Nur sieben der 59 (!) angefragten Versicherer hatten Daten an PremiumCircle geliefert. Nur einer der beteiligten Versicherer hatte alle Fragen beantwortet. Eine überschaubare Datenlage, die Kritik laut werden ließ. Unter anderem bezog der Verein ZUKUNFT FÜR FINANZBERATUNG e.V. öffentlich Stellung. Das Fazit: Aus der geringen Datenlage den Gesamtmarkt der Biometrieversicherer und das nur ein Jahr nach Beginn der Pandemie beurteilen zu wollen, sei schlicht nicht möglich. Als Gründungsmitglied des Vereins schlossen auch wir als NewFinance uns dieser Kritik an.

PremiumCircle reagierte in verschiedenen Beiträgen und mit Kommentaren auf LinkedIn: Man möge doch bitte nicht über eine Studie urteilen, die man noch gar nicht komplett gelesen habe, so der Vortrag von PremiumCircle-Geschäftsführer Claus-Dieter Gorr. Ein berechtigter Einwand. Und so haben wir die Studie geordert und genau unter die Lupe genommen. Das Ergebnis schon mal vorweg: Es gibt kein anderes Ergebnis. Indes wurden Fragen in Bezug auf das Geschäftsmodell von PremiumCircle virulent. Aber der Reihe nach:

Kurze Erhebungszeit und geringe Datenlage

Die Untersuchung gliedert sich in zwei Teile. Der erste fragt nach Auswirkungen von COVID-19 auf die Antragsprüfung, der zweite auf die Leistungsprüfung. In Summe wurden 25 Fragen mit 97 Detaildifferenzierungen gestellt. Am 3. März hatte PremiumCircle den Erhebungsbogen an 59 Versicherungsunternehmen versandt. Die Auswertung erfolgte bis zum 23. April. Von nur sieben Versicherern (11,9 Prozent), die sich beteiligt hatten, wurden kumuliert nur 68 Prozent der gestellten Fragen überhaupt beantwortet.

Daten geliefert hatten die Alte Leipziger, Barmenia, Canada Life, HDI, LV1871, die Sparkassen Versicherung und der Volkswohl Bund. Das Gesamtergebnis repräsentiert also rund acht Prozent des Marktes. Oder anders gesagt: Aus über 92 Prozent des Branchengeschehens liegen PremiumCircle keine Daten vor.

Viele Fragen und meist klare Antworten

Die Fragen, die PremiumCircle stellt, sind zweifellos sinnvoll. Sie behandeln unter anderem den Umgang mit Testergebnissen, überstandenen Infektionen, Langzeitfolgen, Reisen in Risiko- oder Mutationsgebiete, Quarantäne, Impfungen oder Risikofaktoren in Bezug auf Antragsverfahren und Leistungsfälle. Ob oder warum genau diese Fragen einen Anspruch auf Vollständigkeit oder Stringenz im Sinne des Untersuchungsziels haben, wird nicht näher ausgeführt.

In den Antworten der wenigen beteiligten Versicherer fällt zunächst auf: Bei sehr vielen Fragen geht die Branche im Antragsverfahren mit COVID-19 um wie mit jeder anderen Erkrankung auch. So sind für die Unternehmen Testergebnisse, Reisen in Risikogebiete, Quarantäne oder Impfungen, ja selbst überstandene Infektionen vielfach nicht anzeigepflichtig oder folgern eine Annahme ohne Erschwernis.

Einzelfallentscheidung: kritikwürdig oder sinnvoller Branchenstandard?

Zuweilen berufen sich Anbieter auf Entscheidungen im Einzelfall, so etwa mit Mehrheit in Bezug auf COVID-19-Langzeitfolgen. In der biometrischen Absicherung sind Einzelfallprüfungen ein geläufiges wie erprobtes Verfahren, das dem individuellen Fall Rechnung trägt anstatt “über einen Kamm zu scheren” – und das auch bereits vor COVID-19 in dieser Form angewandt wurde.

Dass Einzelfallprüfungen in der Biometrie nicht nur üblich, sondern auch sinnvoll und in der Regel verbraucherfreundlich sind, bestätigt auch Björn Thorben M. Jöhnke, Fachanwalt für Versicherungsrecht und langjähriger BU-Experte:

„An dieser Stelle sollte man den Versicherern keine Vor-Meinung abringen. Denn natürlich soll jeder Versicherer im Einzelfall den Einzelfall prüfen können. PremiumCircle stellt zweifelsohne gute und wichtige Fragen. Dies jedoch noch während der Pandemie zu tun, erscheint weder sinnvoll noch strategisch klug, womöglich von anderen Interessen getragen. Vielmehr ergibt es Sinn, nachdem die ersten „Corona-Fälle“ durch die Leistungsprüfungen gegangen sind, ein Resümee zu ziehen und dann im Einzelfall konkret zu schauen, was vorgefallen ist. Was sollen Versicherungen an dieser Stelle denn abstrakt darauf antworten? Jedenfalls verwundert deswegen schon die geringe Beteiligung der Versicherungen an diesen Fragestellungen nicht.“

Dass Vorerkrankungen und dauerhafte Einnahme von Medikamenten vielfach Einzelfallentscheidungen nach sich ziehen, liegt in der Natur der Sache. Hier stehen schließlich genau diese Erkrankungen und nicht die Kombination mit COVID-19 im Fokus der Bewertung.

In Bezug auf die Leistungsprüfung kommen situative Verhaltensweisen der Versicherten ins Spiel. So wollte PremiumCircle unter anderem wissen, ob ein Verstoß gegen Infektionsschutzmaßnahmen, eine nicht durchgeführte therapeutische Behandlung oder eine nicht durchgeführte Impfung zu einer Leistungsablehnung führen können. Auch hier die fast einhellige Antwort der Versicherer: Das sei grundsätzlich nicht der Fall. Lediglich ein Versicherer antwortete, es könne zu einer Ablehnung kommen, wenn ein Versicherter eine notwendige Behandlung aus Furcht vor eine Ansteckung nicht durchführe.

Reisen in Risikogebiete als Vorsatz?

Auch in Bezug auf Reisen in Risikogebiete äußerten sechs Versicherer keine Bedenken. Wiederum nur ein Unternehmen gab an, in einer solchen Reise könne ein möglicher Vorsatz der Herbeiführung einer Erkrankung bestehen. Eine Einschätzung, die wir mit Stephan Kaiser, Geschäftsführer der BU Expertenservice GmbH, diskutiert haben. Er sagt:

„In den AVBs ist meist eine Leistung des Versicherers durch ‚absichtliche Herbeiführung von Krankheit‘ ausgeschlossen. Ich halte es für höchst zweifelhaft, dass die bloße Reise in ein Risikogebiet mit anschließender COVID-19 Infektion eine absichtliche Herbeiführung einer Krankheit darstellt. Zwar stellt eine solche Reise in der Regel keine intellektuelle Glanzleistung dar, aber wer reist dahin, um absichtlich COVID-19 zu bekommen? Man nimmt es wohl eher billigend in Kauf. Letzten Endes wird darüber aber im Zweifel ein Richter zu entscheiden haben.“

Etwas differenzierter antworteten die beteiligten Versicherer in Bezug auf die Arbeit im Homeoffice. Hier fragte PremiumCircle unter anderem, ob sich so ein neues Tätigkeitsprofil für Versicherte ergebe, das vielleicht Auswirkungen auf Leistungsfälle haben könne. Dazu gaben drei der sieben befragten Unternehmen an, eine Einzelfallentscheidung vornehmen zu wollen. Die gleiche Frage nach Auswirkungen von Kurzarbeit indes bewerteten fünf Versicherer als nicht relevant, ein Unternehmen will das Tätigkeitsprofil nach Beginn der Kurzarbeit zugrunde legen, und ein weiteres im Einzelfall entscheiden.

Schlussfolgerungen fast immer zum Nachteil der Versicherer

Die Schlüsse, die PremiumCircle aus den gewonnenen Daten zieht, sind angesichts der Ergebnisse ebenso einhellig wie fragwürdig: So gäbe es keine klaren Aussagen dazu, ob Testverfahren, Langzeitfolgen, Reisen in Risikogebiete, Quarantäne oder Risikofaktoren Auswirkungen auf die Antragsprüfung hätten. Aus den gewonnenen Daten geht indes genau das Gegenteil hervor: Die meisten Unternehmen haben klar geantwortet.

Mögliche Leistungsablehnung infolge nicht durchgeführter ärztlicher Maßnahmen oder Reisen in Risikogebiete bezieht PremiumCircle auf die gesamte Branche, obwohl nur ein Versicherer hier entsprechend geantwortet hatte. Ähnlich wird im Hinblick auf Tätigkeitsprofile im Homeoffice oder in Kurzarbeit geurteilt: Auch hier gebe es keine Klarheit.

Das abschließende Urteil fällt PremiumCircle sodann forsch für den Gesamtmarkt. Es heißt dort:

„Im Gesamtergebnis steht fest, dass es für Versicherte – auch im Hinblick auf COVID-19 – in der Berufsunfähigkeitsversicherung aktuell so gut wie keine verbindliche Vertragsgrundlage gibt.“

Oder anders gesagt: Die Antworten der beteiligten Versicherer werden konsequent zum Nachteil der gesamten Branche ausgelegt, obwohl die Antworten diese Schlussfolgerung nicht zwingend ergeben und die Teilnahme- und Beantwortungsquote nur acht Prozent des Marktes repräsentieren.

Und schließlich: Auch der GDV bekommt auf Seite 76 der Studie „sein Fett weg“: Unter der provokanten Überschrift „Irreführung GDV“ ist ein Screenshot eines Beitrags aus dem Portal „Die Versicherer“ des GDV abgebildet. Diese „Irreführung“ lässt sich aus den Studienergebnissen ebenfalls nicht herleiten.

Cui bono? Geschäftspraxis von PremiumCircle wirft Fragen auf

Viel interessanter als Studien dieser Art ist vielfach zu hinterfragen, wem sie (in dieser Form) eigentlich nützen. Der Kommentar eines Vorstandsmitglieds eines BU-Versicherers auf LinkedIn machte uns stutzig. Er schrieb dort:

„Es wäre richtig und gut das Thema zu diskutieren, da wir als Versicherungsindustrie hier echt den Unterschied machen können für unsere Kunden. Wenn das Ergebnis wäre, dass der Weg zum Anwalt die beste Lösung ist, weil Sorge besteht, nicht als Kunde eines Kollektivs behandelt zu werden, hätten alle verloren (Kunde, Vermittler, Versicherer). Allerdings die Diskussion zu führen, um dabei Fees zu generieren, finde ich die falsche Motivation…“

Ein weiterer Dialog auf LinkedIn, in dem Claus-Dieter Gorr selbst beteiligt war, bestätigt den Hinweis. Hier hakte ein Mitarbeiter eines anderen Versicherers nach:

„Meine Meinung ist keine Kritik an Ihrer Studie, nur an der Interpretation der Ergebnisse – in dieser Diskussion beruhend auf dem Artikel in ‚Die Welt‘ (…) Ich schätze Sie auf dem Gebiet der BU doch als sehr kompetent, wenngleich natürlich auch sehr kritisch. Aber kritische Stimmen braucht der Markt. (…)“

Die Antwort von Claus-Dieter Gorr folgte auf dem Fuße:

„Ja, und genau das verkaufen wir u. a. den Versicherern in unseren Beratungsprojekten.“

(Screenshots liegen dem Autor vor).

Auf den Kern reduziert bedeutet das: Zum einen fertigt PremiumCircle als Analysehaus Studien über die Branche an, fällt darin Urteile und stellt sogar Forderungen. Zum anderen verkauft das Unternehmen offenbar proaktiv Beratungsleistungen an betroffene Versicherungsunternehmen, in denen diese Themen behandelt und Probleme kuriert werden sollen.

Ein solches Verfahren gilt unter seriösen Rating- und Analyseunternehmen nicht nur in der Versicherungswirtschaft als verpönt. Und das aus gutem Grund: Es verquickt diametrale Interessen und öffnet Tür und Tor dafür, Studien nur oder zumindest vornehmlich zur Beförderung der anschließenden Beratungsleistungen anzufertigen. Die Publikation der Studien kann gleichsam als eine Art „Druckmittel“ missbraucht werden.

Auf diese Weise können Studien schon ex ante ihre gebotene fachliche Neutralität und wissenschaftliche Grundlage einbüßen. Sie wären interessengeleitet und würden Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Die vorliegende BU-Studie aus dem Hause PremiumCircle und die Kommentare aus der Branche lassen zumindest diesen Gedanken aufkommen.

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Dr. Rainer Demskihttps://newfinance.de
... mit Stolz Analog Native, mit Herzblut Digital Nomad und seit über 20 Jahren in der Medienwirtschaft tätig. Ich bin Mitgründer der NewFinance Mediengesellschaft mbH und leite gemeinsam mit Karin Fitzka das Unternehmen und die Redaktion unserer Medienprojekte.